Praxistipp zur Rolli-Erstversorgung / (E-motion)

Sehr ausführliche ‚Forenantwort‘ von Paula zum Rollstuhlantrieb ‚e-motion‘ und allgemeinen ‚Einsteigerfragen‘ zu Rollstühlen.

(Folgender Text ist urheberrechtlich geschützt. Zitat mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Ich nutze den e-motion bereits einige Jahre und denke noch immer, dass er für bestimmte Bedürfnisse ein geniales Hilfsmittel ist.
Jedes Hilfsmittel hat Vor- und Nachteile und das Ermitteln, welches Hilfsmittel zu mir passt, ist superwichtig.
Nachteile des e-motion: SCHWER!!! einzuladen etc. Mit Aktivrollstuhl zusammen kannst Du mit etwa 38 bis 40 kg rechnen. Okay, man kann natürlich die Räder abmachen (vorher müssen die Akkus entfernt werden) und dann hat man 5 Einzelteile ins Auto einzuladen. Jedes Rad wiegt >10kg. Beachte das bitte unbedingt, bevor Du Dich für dieses System entscheidest. Wenn ich ohne Akku aber mit den Rädern fahren würde (kann ich gar nicht), könnte ich den Rolli bergab nicht bremsen, selbst das Antreiben fällt mir schwer.

Achja, die ’normalen‘ Räder bekommt man mitgeliefert.

Wichtig auch: Eine Akkuladung soll laut Hersteller Fa. Alber für etwa 12km ausreichen. Das gilt aber „nur an geraden Kalendertagen, im Sommer, ohne Gegenwind und bergab“ (Vorsicht Ironie). Mir passiert es gelegentlich, dass eine Ladung nicht mal einen Arbeitstag (ohne Anfahrt etc.) übersteht. Ich habe gsd von Beginn an einen zweiten Akkusatz erhalten. Das würde ich jedem raten, der mehr als zweimal die Woche vor die Tür geht.
Anders als bei einem e-rolli müssen immer beide Hände an den Rädern sein bei Ausflügen. Also nix mit Händchenhalten oder Snack naschen und (ohne geschoben zu werden) vorwärts wollen.
Noch ein Nachteil: Einige Faltrollstühle sind nicht für e-motion-Betrieb konstruiert. Mein Küschall champion (den ich sonst super finde) ist zu instabil dafür und hat nach 3 Jahren (aber auch sehr viel genutzt) nur noch Schrottwert, weil Rahmen verzogen etc. Mein nächster Versuch wird die Kombi mit einem Proaktiv Traveller sein. (Den Sopur Neon bekomme ich mangels Kraft in den Armen/Händen nicht alleine auseinander oder zusammen.)

Vorteil: Mit dem e-motion ist der Einstieg in Busse und Bahnen mit Hebebühne gut zu packen, das Teil kann (notfalls mit Hilfe) im Auto verladen werden (schwer!!!) ohne Rampe etc.
Vor vier Jahren, als ich den e-motion bekam, fand ich es weniger ‚behindert aussehend‘ als einen e-rolli. Heute sehe ich das anders, aber damals war das bei mir so.
Der e-motion hat mir viel Freiraum gegeben, trotzdem habe ich mir vor kurzem (selber) einen „richtigen“ e-rolli zugelegt. Aber auch der ist natürlich nicht die „eierlegende Wollmilchsau“.

Ich finde, Rollstühle kann man ein bisschen vergleichen mit Schuhen:
Mit nur einem Paar Schuhe kann man nicht alles perfekt machen: Weder mit Turnschuhen auf einem Ball, noch mit Pumps auf dem Berg ….. etc.
Jede Situation ist anders.

Viele denken, es MUSS ein faltbarer Rollstuhl sein. Aber auch ein starrer Rahmen ist für viele Menschen eine gute Lösung. Da man die Räder abmachen kann, bleibt gar nicht so viel über bei manchen starren Rollstühlen (z.B. Küschall K-Serie K4 etc.) Die sind viel stabiler und lassen sich gut fahren. Das ist z-B- beim handbiken (Fahrradfahren mit dem Roli) klasse, beim Sport etc.

Wenn Deine Rückenmuskeln nicht so schlecht sind, lass Dir möglichst keine zu hohe Rückenlehne für den Rolli verpassen, verzichte wenn es geht auf Armlehnen. Warum? Weil man dann viel besser mit dem Rolli beweglich ist. Wenn die Schulter von der Lehne gebremst wird, ist das Antreiben schwieriger.

Bremse: Typbedingt und/oder je nach Einschränkung. Gut sind die Sportbremsen, wenn man damit klar kommt. Einfacher zu handeln sind größere, aber die stören natürlich auch bei einigen Aktivitäten bzw. beim umsetzen.
Ich musste meine Bremsen austauschen lassen, weil ich die ersten kraftmässig nicht (mehr) bedienen konnte.
Begleiterbremse: M.E. nur nötig, wenn man sich immer schieben lassen will.

Kippschutz: Ich finde die Kippschutzvarianten gut, die einklappbar sind. Aber auch das ist Geschmacks- bzw. Ansichtssache und natürlich auch wieder je nach Einschränkung zu entscheiden.

Lenkräder (das sind die kleinen Räder vorne): Ich fahre relativ kleine, finde das für mich in Ordnung. Bei uns gibt es zum Glück aber auch sehr wenig Kopfsteinpflaster etc. Die Wahl sollte man davon abhängig machen, wo man mit dem Rolli unterwegs sein wird. Je kleiner, desto sportlicher, wendiger – je grösser, desto komfortabler bei Unebenheiten (Ritzen), aber eben auch störender.

Räder: Mein Tipp: Mantel Schwalbe Marathon plus und Schlauch.
Für den Mantel muss man argumentieren, ist aber nicht nur auf Dauer billiger (für die Kasse) sondern auch sicherer, weil fast unkaputtbar.
Bei den e-motion-Rädern habe ich den Gummi-Überzug (keine Ahnung wie das richtig heisst), bei den normalen Rädern habe ich eloxierte Greifreifen. Mit beidem bin ich zufrieden.

Fingerschutz = Speichenschutz: Hatte ich beim ersten Rolli auch und war beim eingewöhnen okay, aber nun habe ich keinen Speichenschutz dran, finde ich jetzt eher störend (kann man aber auch selbst abmachen ….)

Sitzkissen: Ich hatte zuerst ein Standardkissen, z.Zt. nutze ich ein „stimulite“ Wabenkissen. Mein nächstes Kissen ist ein ROHO quatro Luftkammerkissen.
(http://www.reha-hilfen.ch/prod_rs-kis.html) Auf meinem Rezept stand: Kissen Gel oder Wabe – das ging bei meiner Kasse durch, es gab einige Nachfragen seitens der Kasse. Man kann die Kissen testen! Das empfehle ich auf jeden Fall. Mindestens eine Woche. Das war weder bei stimulite noch bei ROHO ein Problem.

Ankipphilfe hatte, brauchte und wollte ich nie. Stockhalter habe ich auch nie, weil ich zwei Klappstöcke nutze. Die transportiere ich im Turnbeutel oder Rucksack am Rolli.

Fußbrett: Das kommt auf die Einschränkungen an, ich komme gut mit einem festen Fussbrett klar, ich kenne aber viele, die unbedingt zweiteilige Fussstützen brauchen.

(…)

toi toi toi

Achja: Das richtige ausmessen ist superwichtig vor dem Bestellen eines Rollstuhls. Auch die Höhe des Kissens sollte VOR dem Bestellen bedacht werden.

Auf dem Rolli-Rezept sollte im Idealfall stehen:
Aktivrollstuhl nach Maß
(verhindert, dass man evtl. nicht einen aus dem Pool nehmen muss)

Grüße
von Paula

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Paula: 28.09.2007 22:52.

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